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Amalfiküste

Ein Evergreen mal anders- Teil 1

Sommerabend in Neapel

„Die besten Partys enden in der Küche.“ Und die besten Reisen beginnen dort.
Wir saßen uns am Esstisch gegenüber, scrollten durch Europa und diskutierten uns einmal quer durch den Kontinent: Griechenland, Spanien, Schweden, Portugal, Nordsee… alles war irgendwie möglich und gleichzeitig zu weit, zu teuer oder zu kompliziert.

Am Ende blieb ein Land übrig, das wir eigentlich schon abgehakt hatten. Italien.
Das Italien, das man mit Touristenfallen, Influencer‑Hotspots, Pizza‑Klischeesund Campingplätze bei Bibione verbindet. Unser erster Trip nach Cinque Terre war schön – aber nichts, das länger als die Heimfahrt im Herzen bleibt.

Ich fand Bilder von der Amalfiküste in der Apothekenumschau, dieses Licht, diese Farben. Vielleicht verdient Italien eine zweite Chance.Vielleicht haben wir damals einfach nicht das richtige Italien gesehen.

Ihr müsst wissen: Diese Reise wird und war für uns etwas Besonderes.
Der Anfang von allem. Der Urknall unseres Hobbys.
Wir haben schon immer gecampt – aber eher aus studentischer Geldnot als aus Überzeugung. Nach dieser Reise wussten wir: Campen bringt uns an die einsamsten und schönsten Orte der Welt.

Vieles machen wir heute anders als damals. Und genau das möchte ich euch hier erzählen.

Wir planten den restlichen Tag unsere Route, die Campingplätze, die Stopps – und natürlich die Ausrüstung. Der Strandurlaub war zum Greifen nah.

Wir saßen voller Vorfreude vor unserer Wohnung im Auto. Unser eisblauer 1er BMW schnurrte wie ein Kätzchen, als würde er sich selbst auf das warme Klima freuen.

Die Kilometer flogen nur so an uns vorbei. Der Brenner lag hinter uns, die Nacht hatte uns längst eingeholt, und irgendwo zwischen Müdigkeit und Vorfreude zog das Autobahnschild „Bologna“ an uns vorbei. Ich bekam automatisch Hunger – aber mein Kopf hatte keine Zeit mehr, sich Pasta‑Fantasien auszumalen.

Denn plötzlich waren wir allein auf der Autobahn. Vor uns ein Schild, das unmissverständlich sagte: Hier ist Schluss. Vollsperrung. Ende Gelände. Vielleicht wird hier irgendwann mal gebaut. Vielleicht auch nicht. Italien eben.

Martin und ich sahen uns an. Wir hatten exakt denselben Gedanken: ITALIEN! Wirklich jetzt? Und das Beste: Maps wusste von nichts. Das Navi drehte völlig durch und brüllte uns ununterbrochen an, wir sollten gefälligst wieder auf die gesperrte Autobahn zurückfahren.

Also irrten wir nachts um zwei durch eine dunkle Kleinstadt, während das Navi zwischen uns tobte wie ein übermüdeter Dreijähriger. Nacheinem klitzekleinen Wutanfall und ein paar Schleifen durchs italienische Hinterland fanden wir irgendwann einen Weg um die Baustelle herum, zurück auf die Autobahn. Und kurz darauf tauchte am Horizont ein Schild auf, das uns wieder hoffen ließ: Neapel

 

Wir waren die ganze Nacht durchgefahren. Irgendwann war einfach die Luft raus. Also schliefen wir ein paar Stunden auf einem Rastplatz– ohne die leiseste Ahnung, was uns später noch erwarten würde.

Als wir wieder wach wurden, war es ein herrlicher Morgen. Die Luft war warm, weich, und zum ersten Mal roch ich dieses Salz, das einem sofort sagt: Du bist am Meer. Wir waren bereit für Bella Italia. So was von bereit.

Für die erste Nacht hatte ich ein Hostel mitten im Herzen von Neapel gebucht.
Also fuhren wir in die Stadt hinein. Erst war alles normal. Autobahn, Verkehr, nichts Besonderes. Ich blinzelte einmal. Ich blinzelte ein zweites Mal. Undbeim dritten Augenaufschlag standen wir plötzlich mitten in einem lebenden Wimmelbild: Autos, Roller, ältere Menschen, Kinder, Esel, Ponys.

Blich Richtung Sonnenuntergang. Im Hintergrund Berge, Straße. Im Vordergrund Motorhaube.

Wie – oder besser: wann – waren die alle hieraufgetaucht? Eben war das doch noch eine ganz normale Straße gewesen. Die einzige, die Ruhe ausstrahlte, war die monotone Frauenstimme aus dem Navi. Wir beide waren der Überforderung näher als der italienischen Gelassenheit.

Ich war schon mit einem einfachen Kreisverkehr überfordert. Er war einspurig, aber irgendwie passten zwei Spuren Autos hinein. Da zwischen Eselkarren, Radfahrer, Rollerfahrer, die sich durch jede Lücke quetschten, die physikalisch eigentlich nicht existieren dürfte.

Aber gut. Wenn wir heute noch in ein weiches Hostelbett fallen wollten, mussten wir da jetzt rein.
„Augen zu und durch“ wäre gelogen. Es war eher „Augen weit aufgerissen und hoffen, dass niemand stirbt“. Und das war nur die Vorstadt. Die Innenstadt kam erst noch.

„Round one.“
Dreimal dürft ihr raten, wo unser Hostel lag. Genau: mitten in der Innenstadt. Zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt. Wenn ihr in München oder Köln schon ungern in die Innenstadt fahrt – gönnt euch mal eine entspannte Runde Neapel. Danach seht ihr deutsche Großstädte mit ganz neuen Augen.

Unser Hostel hatte leider keine Parkplätze, aber nach ein paar Runden um den Block entdeckten wir in einer Seitengasse ein kleines Plätzchen. Als hätte es auf uns gewartet. Wir quetschten uns hinein. Perfekt.

Ich stellte den Motor ab, dankte unserem treuen alten Freund im Stillen für seine Leistung und lauschte in die Stadt hinein. Es war wie im Film: italienische Mütter riefen sich über die Balkone den neuesten Tratsch zu, die Rollerfahrerin neben uns hörte laut Musik auf dem Handy, ein Mann mit Hund telefonierte, als würde er die ganze Straße informieren wollen. Über allem kreisten Möwen. Wir waren angekommen. Wirklich angekommen.

Als wir die Autotür öffneten, schlug uns die Wärme wie eine Wand entgegen. Übermüdet schleppten wir uns in Richtung Kaffeeduft. Es war knapp zehn Uhr morgens – zu früh zum Einchecken, aber nicht zu spät für einen Cappuccino, ohne böse Blicke zu ernten.

Und da saßen wir nun. Mitten in Italien. Mit einem Cappuccino in der Neapler Innenstadt. Der Urlaub hatte gerade erst begonnen. Was würden wir wohl noch sehen dürfen? War dieses Land wirklich nur Pizza und Pasta, Vino und Kaffee, Strandverkäufer und teure Mode – oder gab es da noch etwas, das wir bisher übersehen hatten?  

23.06.24 Ankunft im Urlaub

Nach dem Cappuccino ist vor dem Cappuccino. Wir bestellten gleich noch einen. Legenden besagen, dass wir danach eventuell noch einen tranken. Aber wer wird da schon so genau mitzählen.
Nur leider war es immer noch zu früh zum Einchecken.

Also schlenderten wir ziellos durch das Bahnhofsviertel von Neapel. Es war laut, chaotisch, bunt und völlig überladen mit Gerüchen, Stimmen und Straßenlärm. Ich muss zugeben: Nach einer durchgerockten Nacht war selbst mir der Trubel etwas zu viel. Und normalerweise liebe ich dieses lebendige Durcheinander.

Wir waren beide völlig überreizt. Außerdem waren wir die Hitze noch nicht gewohnt. Kurzerhand setzten wir uns zurück in unser Auto, das glücklicherweise im Schatten der neapolitanischen Gassen stand. Keine fünf Minuten später waren wir auch schon eingeschlafen.

Mein Handywecker riss uns aus einem sehr unbequemen Tiefschlaf. Es dauerte einige Momente, bis wir uns orientiert hatten. Nachdem wir uns aus einer Pose befreit hatten, die man am ehesten als verkrümmter Hund beschreiben würde, machten wir uns endlich auf den Weg zum Hostel.

Leider irrten wir eine ganze Weile auf und ab, bis wir das Hostel endlich fanden. Das Schild hätte gern etwas größer sein dürfen. Vielleicht waren wir aber auch einfach ein bisschen blind.

Wir hatten jedenfalls einen klassischen Anfängerfehler gemacht: Wir waren auf die Minute pünktlich. Was soll ich sagen – wir waren eben in Italien. Unser Zimmer war noch nicht einmal ansatzweise bezugsbereit. Man bot uns dafür einen Kaffee und ein erstaunlich bequemes Sofa an.

Die Szene, die sich uns bot, war fast zu skurril, um sie zu beschreiben. Das Sofa stand in einem Nebenraum, der wohl als Aufenthaltsraum diente. An den Wänden reihten sich IKEA‑Regale in den knalligsten Farben, gefüllt mit Büchern und Spielen, die ihre besten Tage längst hinter sich hatten. Von der Decke hing ein älterer Fernseher schräg in den Raum hinein, und die Wände waren mit vergilbten Fußballpostern dekoriert. Ich fühlte mich, als wäre ich zurück in der vierten Klasse und würde im Kinderzimmer meines damaligen besten Kumpels sitzen. Irgendwie heimelig, irgendwie fremd – aber gut gelüftet und blitzblank geputzt.

Gerade als ich auf dem unfassbar bequemen Sofa schon wieder wegdämmerte, sah ich etwas Großes an meinen Beinen vorbeiwackeln. Eine stattliche Landschildkröte marschierte gemächlich durch den Raum. Ich stupste meinen Partner an. Auch er konnte seinen Augen kaum trauen.

Das Tier beachtete uns keine Sekunde lang. Es hatte offenbar wichtigere Ziele. Einige Zeit später kam ein lamentierender älterer Mann durch die offene Tür. Er entdeckte die Schildkröte, gab ihr mit dem Staubwedel einen kleinen Klaps auf den gepanzerten Po. Sie warf ihm einen grimmigen Blick zu und machte sich unter lautlosem Protest in Richtung Tür auf.

Der Mann erklärte uns, die Schildkröte sei als Baby zu ihm gekommen, weil man sie nicht auswildern konnte. Seit vielen Jahren wohne sie nun im Hostel. Heute sei sie mal wieder auf Wanderschaft gegangen, während er ihr Refugium geputzt habe.

Kurz darauf konnten wir endlich unseren Zimmerschlüssel in Empfang nehmen.

Das Zimmer war großartig. Ein bequemes Bett, eine Klimaanlage – und das Beste: ein kleines Fenster, vor dem eine Wäscheleine zur anderen Straßenseite gespannt war. Mit einer richtigen Seilwinde zum Hin‑ und Herziehen. Ich war schockverliebt in dieses Zimmer.

Martin hatte für solche Details weniger Augen. Ich hatte gefühlt noch den Rucksack auf den Schultern, da stand er schon unter der Dusche.

Als auch ich geduscht war, legten wir uns noch einmal kurzhin. Gegen 17 Uhr machten wir uns dann fertig. Unser Hunger meldete sich inzwischen ziemlich vehement. Kein Wunder – das letzte Mal hatte ich am Vortag in der Frühschicht gegessen. Glaube ich zumindest. Wenn an einem einzigen Tag so viel passiert, dass es locker für drei reichen würde, fallen solche Details eben hinten runter.

Auf Make‑Up verzichtete ich komplett, dafür schlüpfte ich in meine Lieblings-Sommerhose: bunt, leicht, farbenfroh.

Mann mit Bier und Snacks

Wir hatten vom Hostel einen Tipp bekommen, wo es die beste Pizza geben sollte. Ich googelte den Laden – fantastische Bewertungen, keineFrage. Leider aber auch eine ziemliche Touristenattraktion. Also entschieden wir uns kurzerhand dagegen.

Wir kamen zufällig trotzdem daran vorbei. Vor dem Restaurant standen gut und gern dreißig Menschen Schlange. Ich fragte eine Frau, ob sie alle auf einen Tisch warteten. Ja, taten sie. Und zu allem Überfluss hatten die meisten bereits gestern reserviert.

Das war uns eindeutig zu doof.

Etwas weiter fanden wir eine Pizzeria mit ebenso guten Bewertungen – nur ohne Warteschlange. Und was soll ich sagen: Die originale Pizza Napoletana war gigantisch. Wir hatten alles richtig gemacht.

Nach dem Essen zogen wir weiter in eine kleine Eckkneipe.

Als wir da so saßen, mit einem kühlen italienischen Bier inden Gläsern, ließ ich die Atmosphäre um mich herum auf mich wirken. Die Stadt wurde langsam ruhiger. Der Straßenlärm war abgeebbt, die Stimmen hatten sichvon aufgeregtem Rufen in ausgelassenes Lachen und aufgeheitertem Erzählen verwandelt. Unfassbar hübsche Italienerinnen schwebten in buten Sommerkleidern Richtung Innenstadt, die langsam im Abendlicht versank. Die Sonne lag goldenauf den Türmen und engen Gassen des Viertels, und ein paar Möwen zogen kreisend ihre Bahnen durch die Dämmerung.

Und dann geschah etwas, das ich euch auf keinen Fall vorenthalten möchte. Eine Szene, die für uns deutsche Städter völlig unverständlich und herrlich sonderbar wirkte. Eine echte „Kann er das jetzt wirklich machen“-Szene.

Als wir da so saßen und einfach nur zusahen, bemerkten wir einen – wie sollte es auch anders sein – Fiatfahrer. Er kreiste bestimmt schon zum dritten Mal über den winzigen Platz. Eigentlich war es eher eine großzügige Straßenecke.

Beim vierten Mal hielt er mitten in der Kreuzung an, wühltein der Mittelkonsole herum und stellte schließlich den Motor ab.

Ich sagte noch zu meinem Freund: „Der sucht bestimmt geradedas nächste Parkhaus auf Maps.“
Nein. Tat er nicht.

Er stieg einfach aus. Er stieg aus, sperrte sein Auto ab und ging davon.

In unseren Gesichtern machte sich pure Fassungslosigkeit breit. „Der kann doch nicht einfach mitten auf der Straße parken.“
Doch. Er konnte. Und wie.

Und es war nicht einmal so ein „Ich heb nur kurz Geld ab“ oder „Ich hol schnell was von der Post“-Manöver. Nein, der Mann kam den gesamten Abend nicht wieder. Alle Fahrzeuge, die die Straße entlang wollten –und das waren einige – rangierten geduldig um ihn herum, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Das war definitiv ein anderes Level als„Zweite-Reihe-Parken“.
Italien eben.

Der Abend verlief so vor sich hin. Wie immer in der ersten Urlaubsnacht wurden wir nicht alt. Die Nacht war lau, das Bier kühl und die Hostelbetten schon bald unwiderstehlich bequem.

24.06.24 – Neapel: eine Stadt, die ihres gleichen sucht

Unser Tag begann um 09:00Uhr an der Bushaltestelle am Hauptbahnhof von Neapel. Unser Ziel war der oft angepriesene Wochenmarkt Mercato di Antignano. Da ich mir nach der Anreise geschworen hatte, unser Autoerst zur Abreise wieder zu bewegen, ging es heute also mit den Öffis durch die Metropole.

Wir standen etwas verloren da. Wir wussten nicht so recht, wie wir hier an ein Ticket kommen sollten. Die Italiener, die wir bisher gefragt hatten, verstanden leider kaum ein Wort Englisch. In der Menge erspähte ich schließlich ein etwa 13–15‑jähriges Mädchen. Ich startete einen letzten Versuch. Endlich! Sie verstand Englisch – und sprach es sogar besser als wir. Nach einem kurzen, freundlichen Gespräch wussten wir: Im Bus konnten wir kein Ticket kaufen. Wir mussten vorher zu einem Zeitungskiosk ganz in der Nähe.

Dort angekommen erklärten wir dem Verkäufer mit Google‑Übersetzerund einer beeindruckenden Auswahl an Gesten, was wir brauchten. Wir bekamen ein Ticket – hoffentlich das richtige.

Kurz darauf saßen wir im Bus. Um uns herum tobte der Stadtverkehr. Ich war so froh, nicht in unserem kleinen eisblauen BMW zusitzen, sondern mich vom Busfahrer quer durch das Chaos chauffieren zu lassen.

Wir stolperten aus dem Bus hinaus – und standen plötzlich ineinem ganz anderen Neapel. Es war wahnsinnig ruhig. So ruhig, wie eine Stadt dieser Größe nur sein kann. Die Menschen um uns herum schlenderten entspannt ihrer Wege, und der Verkehr floss so gelassen dahin wie im Rest von Zentraleuropa.

Nach weniger als zehn Minuten Fußweg erreichten wir den Markt. Ich erwartete Menschenmassen und Touristen, soweit das Auge reicht. Doch wir sahen – niemanden. An den Ständen standen einheimische Frauen und ein paar Männer, die fürs Abendessen einkauften. Wir schlenderten einfach so vor unshin. Es war gigantisch. Um uns herum war alles herrlich bunt. Frische Kräuter und Gewürze wehten uns in die Nase, und langsam beehrte uns sogar die Sonne. Bis jetzt hatte sie sich hinter dicken Wolken versteckt.

An einem Stand erspähte ich Obst – oder war es Gemüse? Ich wollte den Verkäufer fragen, was da kugel rundes, lilafarbenes mit grünen Tupfenvor ihm lag. Aber wie so häufig scheiterten wir an der Sprachbarriere. Total egal. Wir kauften die lilanen Kanonenkugeln, gefolgt von roten, länglichen,festen Früchten. Ein paar Zwiebeln und eine Riesenzitrone später waren wir am Ende des Marktes angekommen. Unsere Beutel waren voll mit Obst und Gemüse, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Ich freute mich schon tierisch aufs Probieren.

Als wir da so standen, mitten auf einem kleinen Platz,eingefasst von lokalen Läden, fiel mein Blick auf den wohl ikonischsten Baumarkt Neapels. Wenn jemand die italienische Seele entdecken möchte, würde ich ihm genau diesen kleinen Laden zeigen.

Der Verkaufsraum selbst war vielleicht zehn Quadratmeter groß. Gerade so, dass eine Ladentheke mit hunderten kleinen Schubfächern dahinter Platz gefunden hatte – wie in einer historischen Apotheke. Vor derTheke hatte ein Kunde mit Müh und Not Raum. Er hätte mehr Platz gehabt, wenn nicht von je der Ecke, von jedem Fleckchen Decke etwas herabbaumeln würde. In einer Ecke hingen Seile, Gurte, Flatterbänder, Plastikketten. Etwas weiter baumelten Vorhangstoffe und Gardinen ins Bild.

Doch das Beste waren eindeutig die wartenden Männer vor dem Laden. Allesamt stattliche ältere Italiener. Alle mit grau- schwarzen Schnurrbärten und Schieberkappen. Sie saßen mit ihrer Wartemarke vor dem Eingang, kauten Sonnenblumenkerne und diskutierten lautstark über Politik und die Themen der Tageszeitung. Ein anderer begutachtete mit einer Sorgfalt seine Fingernägel, die er diesem Bereich vermutlich selten zukommen lässt.

Einer nach dem anderen wurde aufgerufen. Doch es wurden trotzdem nicht weniger Kunden. Es kamen mindestens genauso viele nach, wie der Mann hinter der Theke abkassieren konnte. Jeder zog seine Wartemarke und stieg sofort in die Diskussion ein. Fast so als wäre die Wartemarke zwingend notwendig, um an dem Gespräch teilnehmen zu können.

Ich fühlte mich wie in einem Film aus den 60ern. Ich musstefast lachen, als ich diesen Mikrokosmos beobachtete.

Es war inzwischen Mittag geworden. Wir genossen einen doppelten Espresso mit Oliven. Unser nächster Stopp sollte das SpanischeViertel in der Innenstadt sein. Wir bummelten noch ein wenig durch die umliegenden Klamottenläden und stiegen dann in den Bus Richtung Zentrum. Eine halbe Stunde später warf uns der Bus in den innenstädtischen Siedetopf.

Ich hatte mich viel zu schnell an die Ruhe am Stadtrand gewöhnt. Der Stress traf mich erneut mit voller Wucht. Wir suchten verzweifelt nach einer Lücke in den Menschenmassen. Ich bin 1,75 m groß und normal gebaut –aber stellenweise bekam ich keinen Fuß mehr auf den Boden. Teilweise hielt ich mich an Martin fest, damit wir nicht auseinander getrieben wurden. Selbst mir war das zu viel.

Bei der ersten Lücke, die wir erspähten, zerrten wir uns aus dem Menschenstrudel heraus. Die Gassen waren so schmal, dass sich an den engsten Stellen ein wahrer Menschenstrom bildete.

Kurz darauf saßen wir auf der Einfassung eines kleinen Blumenbeets. Ich brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Ich hatte tatsächlich ein bisschen Angst bekommen. Für uns war das Thema „Spanisches Viertel“ erledigt. So schön und voller Flair konnte es gar nicht sein, um dieses Chaos zu rechtfertigen.

Wir nahmen irgendeine U‑Bahn und fuhren aufs Geratewohl eine Haltestelle weiter. Wir wussten nicht genau, wo wir gelandet waren, aber allzuweit weg konnte es nicht sein.

Als wir durch ein deutlich ruhigeres Eck der Innenstadt bummelten, staunten wir nicht schlecht. Die Menschen von Neapel hatten tatsächlich direkt neben einer aktiven Kirche eine große Disco gebaut. Sehr sonderbare Idee, aber was soll’s.

Abends kochten wir im Hostel ein Abendessen aus unserem wild zusammengekauften Gemüse.

Abschließend zu dieser Etappe

Neapel ist eine Stadt der Extreme. Extrem laut, extrem chaotisch, extrem bunt, extrem extrovertiert. Entweder man liebt Neapel oderman hasst Neapel. Dazwischen gibt es nichts. Man liest oft, die Stadt sei gefährlich.

Naja… ja und nein.

Es gibt definitiv einige No‑Go‑Areas. Bei der Anreise fühlten wir uns etwas unwohl, und im Dunkeln wäre ich in manchen Vierteln nicht gern allein unterwegs gewesen. Aber das hängt stark davon ab, wo man gerade ist.

Fakt ist: Wir waren kein einziges Mal in einer kritischen Lage.

Und trotzdem wird man in manchen Stadtteilen überrollt von Leid und Verzweiflung. Eine traurige Seele mitten auf offener Straße hatte es offensichtlich schon hinter sich, wie wir beim Vorbeigehen feststellen mussten. Am Rand der Straße lag ein regloser, nicht atmender Mensch, bedeckt mit einem alten Laken. Daneben stapelten sich die Müllberge brusthoch.

Und trotzdem habe ich die Stadt lieben gelernt.
Ich liebe dieses Chaos.
Ich liebe das Menschengewirr.
Ich liebe dieses italienische Flair.

Ich kann mich in solchen Städten verlieren.

Schaut euch diese wunderschöne, kunstvolle, bunte Stadt an –aber passt auf euch auf.

Am nächsten Tag stand unsere Abreise aus Neapel an. Unser Weg sollte uns nach Sorrent führen. Ab hier würde unser Campingabenteuer erst richtig beginnen. Aber warum ich fast hier schon fast mit Sack und Pack umgekehrt wäre- erfahrt ihr im nächsten Teil.

Eure Patricia