
Schon lange schwelte in uns der Gedanke, einmal im Leben Polarlichter zu sehen. Aber nicht von einer schicken Dachterrasse eines noch schickeren Hotels aus. Nein.
Wenn schon, dann das volle Arktis-Paket: Kälte, Dunkelheit, Einsamkeit, goldene Sonnenuntergänge – und Polarlichter, so roh und echt, wie sie nur sein können. Ich wollte sie in Stille sehen. Ohne 20 Menschen in identischen Skianzügen, die gleichzeitig auf den Auslöser drücken.
Kurz gesagt: Wir sind mal wieder Hals über Kopf in ein neues Abenteuer gestolpert.
Als wir Freunden und Kollegen erzählten, was wir vorhatten, bekamen wir überall dieselbe Reaktion:
„Sag mal, habt ihr sie noch alle?“
Und ja – wir wussten, wie verrückt dieser Plan klang. Mit unserem kleinen, eisblauen, heckangetriebenen 1er BMW in eine feindliche Umgebung zu fahren, ohne Rückzugsort, ohne Erfahrung im Wintercamping. Wir hatten noch nie auch nur eine einzige Nacht draußen verbracht, in der es kälter als +4°C war, und diese Nacht war so auch nie geplant gewesen. Eher wurden wir von der Kälte überrascht.
Sobald eine Schneeflocke das Balkongeländer berührt, verfalle ich normalerweise in eine dramatische „Ich werde nie wieder Wärme spüren“-Selbstmitleidsleier. Ich sehe Schnee und tipp ein die Suchzeile „Last-Minute-Karibik“.
Kurzum: Ich hasse den Winter mit jeder Faser meines Körpers.
+38°C? Kein Problem. Gib mir ein kaltes Getränk und meine offenen Birkenstocks, und ich bin bereit für die Grillparty.
Aber Schnee und Kälte? Ein Schauer fährt mir schon beim Gedanken daran über den Rücken – während ich in zwei Decken eingewickelt auf dem Sofa sitze.
Wie zur Hölle kommt man also auf so eine Schnapsidee?
Ganz einfach: Weil wir es können! Weil wir Herausforderungen lieben.
Wir sind überzeugte Minimalisten, wenn es um Urlaub geht. Und ich liebe die Natur über alles. Außerdem wollten wir beide den Norden Europas in seiner vollen Pracht erleben.
Knapp zwei Wochen lang war ich also damit beschäftigt , zu arbeiten, Routen zu planen, Ausrüstung aufzustocken und Notfallpläne zu entwerfen. Und dann war es plötzlich so weit.
Wir saßen nebeneinander im Auto. Hinter uns türmte sich eine Ausrüstung, die uns hoffentlich durch die Polarnächte bringen würde. Nach knapp sieben Stunden Fahrt tauchte endlich das Schild „Rostock – Fährhafen“ auf. Wir parkten das Auto und holten uns noch einen Kaffee. Auf dem Weg zurück zum Auto liefen wir an der Fähre vorbei. Wir blieben stehen und sahen uns das riesige hell beleuchtete Schiff an.

Ich raunte meinem Partner durch den dicken Schal zu:
„Wir machen das jetzt… oder?“
Seine Antwort ließ ein paar Sekunden auf sich warten. „Ja. Sieht so aus.“
Wir können es nicht leugnen: Wir hatten ordentlich Bauchgrummeln.
Aber wer seine Komfortzone nie verlässt, wird auch nie über sich hinauswachsen.
Jetzt war nicht mehr die Zeit, Pläne zu überdenken.
Ab hier gab es nur noch eine Richtung. Straight nach Norden.
Die Prozedur kannten wir ja schon vom Sommer, also stellte ich mich auf ewiges Warten und verwirrte Autofahrer ein. Stattdessen war unser kleiner BMW in Rekordzeit verladen. Minuten später saßen wir mit einem klassischen Kantinenkaffee im Bistro – nicht besonders gut, aber heiß und stark. Manchmal reicht das schon.
Nach einer kleinen Lagebesprechung suchten wir uns ein ruhiges Fleckchen auf dem Schiff. Wir fanden einen abgeschotteten Winkel mit Blick auf das Meer. Wir redeten noch etwas und versuchten zu schlafen. Immerhin mussten wir in ca. 5 Stunden beim Frühstück sein. Das Schiff stampfte schwer durch die Wellen. Es roch überallnach Rost, Salz und Öl. Die Rostocker Möwen begleiteten uns noch ein gutes Stück weit hinaus. Beeindruckend, wie mühelos sie im Wind standen, während draußen ein kräftiger Sturm über die See peitschte.

Nach deutlich zu wenig Schlaf fanden wir uns erneut im Bistro wieder. Ich kämpfte mit einer neu aufgeflammten Seekrankheit – wie wunderbar. Trotzdem versuchte ich zu frühstücken. Nach zwei Bissen gab ich auf. Dann eben nicht.
Gegen 6:00 Uhr morgens legten wir an. Rostock lag hinter uns, Trelleborg vor uns. In Skåne würde die Sonne erst gegen 8:00 Uhr aufgehen. Winterliche –1°C. Ein herrlicher Tag zum Fahren. Und genau das taten wir.
Vor uns lagen 1656 Kilometer, knapp 20 Stunden. Oh Maps – und wie du dich getäuscht hast. Um 01:00 Uhr nachts erreichten wir Lycksele. 19 Stunden Fahrt ohne Pause, 1351 Kilometer. Knapp 300Kilometer vor Jokkmokk, unserem angepeilten Ziel.
Die ersten 900 Kilometer liefen problemlos. Die restlichen 400 waren ein Kampf. Die Schneewände höher als das Auto, die Sicht unfassbar schlecht. Normalerweise kommen wir mit der Standardbeleuchtung zurecht. Hier jedoch war die Dunkelheit so massiv, dass die Einheimischen zusätzliche Strahler auf ihren Autos montieren, um überhaupt etwas zu sehen.
Die Straße forderte uns zusätzlich. Ab einem Punkt bestand sie nur noch aus Eisplatten. Befahrbar waren nur die ausgefahrenen Spuren der LKW – und die waren zu breit für uns. Statt der erlaubten 100 km/h rutschten wir mit 60 km/h dahin. Bei jedem entgegen kommenden LKW betete ich um mein Leben.
In Lappland gibt es an den meisten Bundesstraßen keine Mittelleitplanke. Die LKW rasten mit mörderischem Tempo seit Stunden durch die dunkle Nacht. Wir rutschten schon bei dem kleinsten Schlenkerer. Und dann diese gigantischen Schneewolken, die sie hinter sich herziehen – fünf Sekunden völlige Blindheit, jedes Mal.

Aber trotz der ganzen Anstrengung belohnte uns die Natur. Sie zeigte uns unfassbar schöne Polarlichter. Gleich in der ersten Nacht. Wir waren völlig überwältigt. Sie tanzten grün rosa leuchtend vor uns auf und ab. Ein absolut magischer Moment. Als würden sie uns einladen mit ihnen zu kommen.
Schwedisch Lappland hieß uns willkommen.
Wir waren beide völlig erschöpft .In einer ebenen Parkbucht rollten wir unsere Schlafsäcke aus. Das Gepäck musste nur noch schnell umgeräumt werden – ein Spiel auf Zeit. Wir kennen unsere Maße, wissen genau, welche Tasche wohin gehört. Gut so. Bei –22,5°C wollten wir nicht lange durchlüften.


Die Nacht hatten wir wie Steine geschlafen. Es waren etwa -10°C im Auto, aber unsere Schlafsäcke haben uns nicht enttäuscht. Wir hatten doppellagige Arktisschlafsäcke und darin noch einen weiteren Schlafsack – würde ich jederzeit wieder so machen. Geschlafen haben wir nur in langer Unterwäsche. Das ist anfangs eine Überwindung, weil man instinktiv denkt, man müsse sich in der Kälte möglichst dick einpacken. Aber ein Schlafsack wärmt sich durch Körperwärme auf. Trägt man zu viel Kleidung darunter, kann sich der Schlafsack nicht aufheizen. Die Wärme bleibt unter der Jackenschicht. Diese wärmt aber nur solang man aktiv bleibt. Also kühlt man trotz Schlafsack und Jacke aus. Ein Schal, ein Stirnband und dicke Socken komplettierten das Outfit.
Und dann: raus hier. Die erste Hürde des Tages – anziehen. Auf so engem Raum ist das eine eigene Disziplin. Bis alle Schichten sitzen, vergeht eine halbe Ewigkeit. Unterwäsche, lange Unterwäsche, Leggings, Skihose, dünne Socken, dicke Socken, BH, langes Unterhemd, Spaghettitop, Pulli, Fleecepulli, Jacke, Loop, großer Schal.
Und dann die Schuhe. Zu Hause bin ich mit all meinen Socken– dünn, dick, sehr dick – problemlos hineingeschlüpft. Jetzt waren sie zu eng. Zwei Lagen Socken, mehr ging nicht. Die Schnürsenkel bewegten sich keinen Millimeter; die Fasern waren in ihrer Form festgefroren. Ein leises „Fuuuckkkkk!“ schoss mir durch den Kopf. Statt laut zu fluchen, hing ich mit einem Fuß halb im Schuh fest und streckte ihn – mangels Platz – aus der hinteren Autotür. Es muss ein Spektakel gewesen sein.
Ich wärmte kurz meine Hände. Zehn Sekunden später waren sie eiskalt und schmerzhaft. Also improvisierte ich: Ich fädelte die Bänder vorsichtig aus, wärmte sie unter dem Pulli an und band sie unkonventionell um den Knöchel – außen um den Schuh herum. Nicht schön, aber es hielt. Mit ein paar Handwärm-Pausen schaffte ich auch den zweiten Schuh.
Es war so kalt, dass die eigenen Hände in wenigen Sekunden unbrauchbar wurden.
Wir wollten Arktis – wir bekamen Arktis.
Endlich richtig angezogen erschien ich neben meinem Freund an der Motorhaube unseres Autos- zum Zähneputzen. Wir hatten mehrere Liter Wasser in Thermoskannen gefüllt. Und tatsächlich es war immer noch flüssig. Ich goss mir etwas Wasser in mein 40ml Becherchen. Ein Saftpröbchen aus Erding bei München. Wenn die Firma Wolfra aus Erding wüsste wie weit ihr Probebecher gereist war.
Meine elektrische Zahnbürste putzte fleißig vor sich hin, während ich mir zum ersten Mal unsere Umgebung im Hellen ansah. Eine wunderschöne Winterlandschaft. Der Sonnenaufgang war unbeschreiblich – als würde die Sonne sich ein letztes Mal über den Horizont heben.
Warm, golden, mit zaghafter Kraft.

Die Zahnbürste vibrierte und erinnerte mich an die Endlichkeit des Moments. Mit zwei Händen gelang es mir endlich, sie abzustellen. Nach drei Minuten wollte ich mir mit dem Wasser aus dem Becher den Mund ausspülen. Joa – es war gefroren. Ich klopfte mit dem Zahnbürstenkopf auf die Oberfläche, um die Eisschicht zu brechen, aber wärmer wurde es dadurch nicht.
So entstand mein neuer Lieblingsspruch: „Kalt ist erst wenn das Zahnputzwasser gefriert.“ Natürlich mit einem ironischen Unterton.



Endlich ging es weiter. Wir tankten im nächsten Ort und kauften uns selbstverständlich noch Kaffee. Normalerweise ist einen Kaffee bei Starbucks zu bestellen schon eine mittlere Prüfung. In dieser Tankstellenfiliale hingegen drückte man uns einfach einen Becher in die Hand und zeigte wortlos auf den Vollautomaten. Genau mein Humor. Die Angestellte war superfreundlich, aber hier legt man offenbar keinen großen Wert auf Konsumtheater. Ein normaler, warmer Kaffee – völlig ausreichend.
Wir fragten nur noch kurz nach, ob man hier schon den winterfesteren Diesel bekomme. Sie lachte herzhaft und meinte trocken: „Warum? Heute ist es doch gar nicht kalt.“ Hinter ihr blinkte auf der LED-Anzeige eine Außentemperatur von –22°C.
Wir verließen die Tankstelle etwas verdattert.
Unser Weg führte uns nun doch noch nach Jokkmokk. Als wir am Ortschild vorbeifuhren bemerkte ich etwas Erstaunliches. Der Ort in den wir reisten hatte drei verschiedene Schreibweisen- Jokkmokk, Jåhkåmåhkke, Dálvvadis. Die drei Namen stammen aus der Geschichte der Ureinwohner Lapplands. Jokkmokk ist der heute gebräuchliche Name, Jåhkåmåhkke ist westsamisch und Dálvvadis nordsamisch.
Wir fanden es ungewohnt, aber unglaublich wertvoll, wie selbstverständlich hier Indigene und Neuzeitbewohner nebeneinander existieren. Und vor allem: Die Samen werden sichtbar gehalten. Die drei verschiedenen Namen begegnen einem in der ganzen Stadt – überall präsent, überall respektiert.

Wir bummelten ein wenig durch den Ort. Ich war auf der Suche nach einem Bikini. Was braucht man wohl am dringendsten im ewigen Schnee und Eis – mitten im Januar? Genau: Badekleidung. Und genau so sah das Sortiment der Läden aus. Im November hatte ich meine Badegarderobe extra für den Karibikurlaub erweitert. Hervorragend. Liegt natürlich alles zu Hause.
Aber da wir in schwedisch Lappland unbedingt in eine Sauna wollten, brauchte ich Badekleidung. An diesem Tag sollte ich aber nicht mehr fündig werden.
Wir machten uns auf den Weg zu einem Schlafplatz.
Den Parkplatz am Seeufer hatte ich schon vor Abfahrt auf Maps herausgesucht. Und dort fuhren wir auf geradem Weg auch hin. Wir begutachteten den Platz. Ja- hier können wir bleiben. Wir können super parken, kommen auch gut wieder raus. Es ist schön abgelegen. Und vor allem ist der Platz dunkel. Zu viel Licht stört die Polarlichter.
Mittlerweile war es Abend geworden. Mein Partner packte den Kocher aus. Er hatte extra recherchiert, welches Gas er für den Urlaub brauchen würde, und Wintergaspatronen bestellt. Also los. Kartusche gewechselt. Der Kocher ging an – und sofort wieder aus. Das Spiel wiederholte sich eine ganze Weile: Kartusche anwärmen, einsetzen, ein paar Sekunden Flamme, wieder aus. Im Nudelwasser tat sich rein gar nichts. Das Wechseln dauerte zulange, um die Wärme zu halten. Außerdem war der Topf viel zu kalt. So wurde das nichts. Wir verschoben das Problem auf den nächsten Morgen und gingen essen.
Schließlich landeten wir in einem super netten Asiarestaurant. Eigentlich probieren wir in fremden Ländern gern die heimische Küche. Nur gibt es in Schweden kaum einheimische Gaststätten – so auch in Jokkmokk. Also entschieden wir uns hierfür.
Nur so viel: Der Kellner war sehr freundlich, das Essen gigantisch. Wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Und dann kam dieser Mensch mit zwei riesigen Tellern, über und über gefüllt mit Soße, Gemüse und Reis. Wir unterhielten uns kaum noch, wir waren nur noch mit Essen beschäftigt. Wir müssen eher wie hungrige Heuschrecken gewirkt haben als wie pingelige Deutsche.
Nach dem Essen fragten wir noch nach einer Tasse Tee. Der Kellner führte meinen Partner zu einem kleinen Bartisch. Auf diesem stand warmes Wasser und verschiedene Teesorten schon bereit. Wir tranken noch dankbar unseren Tee, und verließen dann glücklich das Restaurant.
Auf einem Spaziergang erkundeten wir noch den kleinen verschlafenen Ort. Es war herrlich. Die komplette Stadt wirkte auf uns wie das kleine Nest aus „Täglich grüßt das Murmeltier“. Wunderbar romantisch. Die Bäume trugen auf jedem Ast mehrere Zentimeter Schnee, auf dem kleinen Spielplatz stand ein von Kindern gebautes Iglu und ein festes Spielzelt. Statt eines normalen Karussells hatten die Kinder etwas viel Cooleres: Als Sitzgondel am Ende des Drehgelenks diente ein kleiner Bob oder ein Kutschenwagen – wie aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Für die Erwachsenenstand eine offensichtlich gern genutzte Feuerschale bereit.

Wir spazierten zum Auto zurück. Praktischerweise parkten wir direkt an einem Supermarkt. Wir kauften noch schnell eine Limo und ein paar Chips ein und machten uns dann auf den Weg zu unserem Schlafplatz.
Als wir das Auto abstellten und mit dem Umräumen begannen, bewegte sich im ein paar Meter entfernten VW-Bus der Vorhang. Wir fielen mal wieder auf. Das macht uns aber schon seit langer Zeit nichts mehr aus. Unsere Art zu campen fällt überall auf.
Zehn Minuten später lag ich in meinem Schlafsack. Alles, was ich an diesem Tag getragen hatte, stopfte ich mit hinein. Außerdem lag unser größter Akku – unsere Notfallstromquelle – direkt an meinen Füßen. Akkus müssen unbedingt warm gehalten werden; sie können sich allein durch Kälte unfassbar schnell komplett entladen. So eingepackt drehte ich mich auf meine schmalste Seite.
Mein Partner schlüpfte nun zu mir ins Auto. Während er sich auszog und seine Sachen verstaute, bewunderte ich aufs Neue diese akrobatische Meisterleistung. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen: In einem 1er BMW auf der hinteren Ladefläche, bei einer Deckenhöhe, die zu gering zum Sitzen ist, sich komplett auszuziehen. Und nicht nur leichte Sommersachen – nein, das komplette sechsschichtige Winterexpeditions-Outfit. Dazu ist er 1,84 m groß, die Ladefläche aber nur 1,50 m tief. Außerdem zu erwähnen ist die maximale Nutzbreite von 0,96m. Zwei erwachsene Menschen in Winterausrüstung, sechs Schlafsäcke, zwei Kissen.
Hätte mir vor sieben Jahren jemand gesagt, ich würde so – wohlgemerkt im Winter – in den Urlaub fahren, hätte ich ihm wohl einen Vogel gezeigt. Aber jetzt liege ich in unserem BMW, eingepackt in Schlafsäcke nördlich des Polarkreises, und finde es unfassbar faszinierend, wie weit uns ein Hobby gebracht hat, das auf dem Wacken Open Air seinen Ursprung hatte.
Zum Abschluss eines wunderbaren Abends spielten wir noch ein wenig Black Storys. Ohne dieses Spiel fahren wir nicht mehr in den Urlaub. Aber in diesem Urlaub war es ganz besonders das beste Reisespiel aller Zeiten. Man braucht dafür nur ganz kurz ein Licht, um den Text zu lesen. Danach können alle herausspitzelnden Pfoten wieder tief im Schlafsack verschwinden – und das Rätselraten beginnt.
Als ich meine Augen öffnete, waren es fast schon sommerliche –10 °C. Ein kühles Licht ließ die Seelandschaft vor dem Autofenster wie eine Kulisse erscheinen – ein Bild, das sich viele als Glaspanel über das heimische Sofa hängen würden.

Ich rieb mir kurz den Schlaf aus den Augen, und weckte meinen Partner. Nach unserer neuen Morgenroutine (aufstehen, anziehen, verzweifeln, weiter anziehen, Zähne mit Eiswasser putzen) gaben wir unserem Kocher noch eine Chance.
Was soll ich sagen: Ich durfte einen sehr, sehr lauen Krümelkaffee genießen. Die Engländer aus Asterix bei den Briten hätten ihre wahre Freude an diesem Getränk gehabt. Zusätzlich zum kritischen Koffeinspiegel in meinem Blut drohte ich bald an einem schwerwiegenden Schlechtelaune-Syndrom zu leiden. Auslöser: gefrorene Marmelade und vereistes Brot.
Wir entschieden uns zu einem Frühstück in einer nahegelegenen Bäckerei.

Wie bei allem in Jokkmokk war auch hier die Zeit stehen geblieben. Wir trauten unseren Augen kaum:
Das gesamte Mobiliar stammte aus den 80ern, wenn nicht sogar aus den 70ern, die Tapeten ebenso. Auch die sanitären Einrichtungen waren… sagen wir: nicht modern. Auf dem Weg zur Toilette kam man am Büro der kleinen Bäckerei vorbei. Die Tür stand sperrangelweit offen. Auf dem Schreibtisch: ein nigelnagelneues Apple-MacBook. Die Szenerie war irgendwie verwirrend. Ich musste mir vorstellen, wie man damit draußen gesehen wird – mindestens drei Leute würden sich auf der Straße irritiert umdrehen, wenn nicht sogar hysterisch „Hexe!“ rufen. Schmunzelnd ging ich zurück an unseren Tisch.
Die altmodische Einrichtung war uns schon am Vortag in den Läden und im Restaurant aufgefallen. In keinem der Häuser gab es moderne Einrichtung oder Warenpräsentation. Aber nirgends war etwas kaputt oder dreckig. Diese Stadt hat wirklich ihren ganz eigenen Charme. Und: Ich habe nirgends auch nur eine einzige Ladenkette entdeckt. Manchmal hat man das Gefühl, egal wo man in Zentraleuropa einkaufen geht – es sind überall dieselben Läden. Hier nicht! Alles wird von den Einwohnern selbst betrieben. Verkauft wird ausschließlich, was man wirklich braucht. Kein Überkonsum, kein Klimbim.
Es gab einen Outdoorbedarf fürs Jagen und Fischen, ein Bekleidungsgeschäft, einen Unterwäscheladen, einen Optiker, zwei Supermärkte und ein paar kleine Bistros oder Gaststätten.
Wir verließen den kleinen Ort mit seinen 3.300 Einwohnern und machten uns auf den Weg Richtung Kiruna.
Das Wetter zog sich zunächst nur etwas zu. Eine Viertelstunde später hatte es sich jedoch zu einemausgewachsenen Schneesturm entwickelt – oder wie die Nordschweden schulterzuckend sagen würden: „Die drei Flocken“.
Die Abendsonne brach langsam an. Wir hatten unsere Sonnenstunden schon wieder aufgebraucht. Unsere Uhr zeigte13:20Uhr.
Nach dem Schneesturm präsentierte sich die Landschaft vor Kiruna in ihrer ganzen Schönheit. Die Welt lag vor uns wie auf in Werbeprospekt. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont abgetaucht, nur ihr warmes, goldenes Licht spitzelte zwischen den Gletschern hervor. Es sah aus, als würden die Berge im Abendrot verglimmen. Darüber spannte sich ein pechschwarzer Himmel, durchzogen von kleinen, strahlend hellen Sternen – und darunter stand die Welt in Flammen.
Wie kann eine Landschaft so schön sein?

Wir erreichten Kiruna gegen 17:00 Uhr. Unser erster Eindruck: deutlich moderner. Wenn man nach Kiruna hineinfährt, wird man sofort von schwerer Stahlindustrie begrüßt. Wie wir später erfuhren, kein Zufall – die Mine ist der wichtigste Arbeitgeber der gesamten Region.
Ich hatte auf der Fahrt schon einen Schlafplatz für uns herausgesucht. Wir begutachteten den Stellplatz genau. Eine schöne ruhige verschneite Ecke etwas außerhalb der Straße. Mein Partner ging den Platz ab. Er wirkt sehr fest. Das Problem nur war die Schneeräumer hatten einen Wall vor der Einfahrt aufgetürmt. Ich versuchte nun schräg auf diesen Wall aufzufahren. Der Plan war: einfach oben drüber. Um es kurz zu sagen: mein Plan scheiterte fulminant!
Unser Auto hing schräg mit der Vorderachse im Schneewall – beziehungsweise in der Luft – während die hinteren Räder durchdrehten. Zeit für unseren alten, unverwüstlichen Bundeswehrspaten.
Während wir gruben, huschte plötzlich etwas Großes an mir vorbei. Ich drehte mich um und sah eine Renkuh-genau ein weibliches Rentier. Sie schaute uns erst etwas verwirrt zu, und beschloss dann unter vollem Risiko über die viel befahrene Straße zu springen. Wir waren etwas verwirrt bemerkten dann aber wieder unser festgesetztes Auto.Wir gruben noch etwas, schoben und rüttelten und waren auch schon wieder frei.
Unsere neue gewonnene Freiheit nutzten wir sofort um einen neuen Schlafplatz aufzusuchen. Ein Parkplatz etwas außerhalb des Skigebiets. Wir mussten ein Stück durch einen Wald. Und wie sollte es anders kommen. Wir setzten uns erneut fest. Zum Glück nicht so schlimm wie zuvor. Die Stelle hier war leicht abschüssig. Wir konnten uns mit geschicktem Rangieren aus der Situation befreien. Nur leider sahen wir beim Ankommen, dass dieser Parkplatz noch schlimmer war als der vorherige. Unfassbar steil. Wir würden die Handbremse benötigen um sicher schlafen zu können. Die wollte ich aber bei angekündigten -23°C nicht ziehen. Sie wäre uns garantiert eingefroren.
Also gut. Kurze Lagebesprechung. Ich hatte noch einen Plan C im Ärmel. Aber wie sich herausstellen sollte war das die schlechteste Entscheidung des gesamten Urlaubs.
Die Idee: zum Parkplatz des Skilifts hinauf fahren und hinten über die offiziell eingezeichnete Straße wieder hinunter. Am Fuß des Berges sollte ein Grillplatz direkt am Wasser sein. Ich sah mir die Google-Bewertungen an: „Schönster Parkplatz für Polarlichter! Wunderbarabgeschieden! Traumhafte Stille!“ Dazu Postkartenfotos von Polarlichtern und Campmobilen. Das klang perfekt. Also runter da.
Es dauerte eine viertel Stunde schon hatte ich keinen Asphalt mehr unter den Rädern. Aber was solls planierter Schnee ist auch super. Ich fuhr etwas zu weit an die Seite. Und dann war es passiert: Wir steckten im knie hohen Schnee fest. Im Dunkeln. In der Kälte. Kein Mensch weit und breit.
Wir gruben wie die Wahnsinnigen. Wir streuten Katzenstreu hinter die Räder. Wir schoben, wir setzten uns in die Heckklappe. Als letzten Versuch wollten wir die Schneeketten aufziehen. Dafür war es aber zu spät. Wir saßen so fest, dass wir nicht einmal mehr auf die Schneeketten rollen konnten.
Das Auto bewegte sich keinen Millimeter. Weder vor noch zurück.
Also wieder graben.
Über uns leuchteten die Polarlichter ihr schönstes Grün.

Plötzlich, ganz klein aber dafür umso heller erschien ein Licht weit unten am Hang. Und es kam näher.
Hatten wir wirklich so viel Glück verdient? Wir zogen unsere Handys und winkten mit den Taschenlampen wie Verrückte. Die Schneemobile kamen näher – und blieben tatsächlich direkt vor uns stehen!
Als die zwei Jungs abstiegen grinste der eine und frage: „Hey Guys, you are stuck in Snow, right?“. Haarscharf erkannt.
Wir steckten sowas von im Schnee fest.
Die beiden stellten sich als Lukas und Liam vor. Sie hatten gerade ihre Schneemobile kreuz und quer durch die vereiste Botanik gejagt. Selbstverständlich packten sie ihre Schaufeln aus und begannen, unser Auto freizuschaufeln. Wir taten es ihnen gleich. Lukas inspizierte unsere Arbeit und schlug vor, wir können es mit Schieben probieren. Ich suchte hektisch den Google-Übersetzer heraus, um ihnen klarzumachen, dass unser Auto einenHeckantrieb hatte und wir Gewicht auf der Hinterachse brauchten. Weder die englische noch die schwedische Übersetzung half – beide schauten mich an, als hätte ich gerade Quantenphysik rezitiert.
Also schoben wir zu dritt,während einer fuhr. Nichts. Kein Millimeter. Lukas hatte sich inzwischen als unser inoffizieller Teamleiter herauskristallisiert. Er rief: „More digging!“Und sofort gruben wir alle weiter.
Aber nichts half.
Wir versuchten die Schneemobile ans Auto zu spannen. Nicht ein einziger Ruckler. Nichts.
Ich gab nach erneutem Graben noch einmal Gas, während die Jungs schoben. Liam zeigte irritiert auf unsere Vorderräder. Sie würden sich gar nicht drehen, meinte er. Ich dachte mir: Zum Glück. Wenn sie das plötzlich täten, hätte ich bei unserem Heckantrieb ein echtes Problem.
Erst später kam mir der Gedanke, dass hier oben am Ende Europas, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, jeder Einheimische Allrad fährt. Jüngere Nordschweden kennen das Konzept „nur eineangetriebene Achse“ vermutlich gar nicht mehr.
Die Jungs beratschlagten sich auf Schwedisch. Dann erklärten sie uns, dass sie jemanden mit einem Traktor kennen würden. Ein Telefonat später dann die Ernüchterung. Der Bekannte war nicht inder Stadt.
Wir fragten, ob sie uns zum Skilift fahren könnten – dort gäbe es doch bestimmt Geländefahrzeuge, die uns rausziehen könnten. Liam verneinte. Fahren könnten sie uns natürlich, aber der Service dort würde Unsummen kosten. Was die Betreiber dafür verlangen, sei schlicht frech.
Lukas und Liam telefonierten weiter in ihrem Bekanntenkreis herum. Und dann – endlich – kam die rettende Nachricht:
Hilfe war unterwegs.
So warteten wir eine Weile. Lukas fragte uns, wie wir überhaupt auf die Idee gekommen waren, diesen Abhang hinunterzufahren. Mein Partner erzählte von der Schlafplatzsuche, der offiziell wirken den Straße und den irreführenden Bewertungen. Liam schüttelte nur den Kopf. Lukas meinte, sie hätten das schon oft bemängelt. Jeder Einheimischewisse über diese „Straße“ Bescheid – nur für Touristen sei diese Ecke eine echte Falle. Oben an der Kante stünden nicht einmal Warnschilder. Im Winter sei dieser Abhang ausschließlich eine Piste für Schneemobile und Geländefahrzeuge.
Außerdem wollten sie wissen warum wir soweit in den Norden fahren. Wofür wir eine solch lange Anreise auf uns nehmen würden.
Ich zeigte auf die Polarlichter über uns und sagte trocken:„Only for this.“
Lukas und Liam sahen sich irritiert an. Für sie waren Polarlichter so selbstverständlich wie für uns freilaufende Kühe auf Bergalmen. Sie waren damit aufgewachsen. Wahrscheinlich hätte ich in ihrer Situation genauso reagiert.
Ich bot allen einen Energy-Drink aus dem Kofferraum an. Viel mehr hatten wir leider nicht dabei.
Mit einer eisgekühlten Dose in der Hand unterhielten wir uns über ihre Schneemobile. Diese kleinen Flitzer konnten unter Idealbedingungen tatsächlich 240 km/h erreichen. Ich konnte es kaum glauben.
Wir quatschten eine Weile, bis auf der Anhöhe hinter uns ein Licht auftauchte. Die Hilfe war eingetroffen. Von einem weiteren Schneemobil stiegen ein deutlich älterer Jugendlicher und ein Mann mittleren Alters ab.
Der Mann inspizierte unsere Lage. Er leuchtete unter unserem Auto entlang. Wir saßen mit dem kompletten Unterboden auf.
Wieder probierten wir es mit Schieben. Wieder tat sich nichts.
Der Ältere von drei begutachtete unsere Winterreifen – sehr gute deutsche Winterreifen – und fragte irritiert, ob wir wirklich hier oben mit Sommerreifen herumfahren würden.
Ich sagte ihm zum Spaß entrüstet, dass das in Deutschland eine absolut ernst zunehmende Winterbereifung sei.
Alle vier lachten herzlich.
Es half alles nichts. Schließlich holte der Mann seinen Geländewagen. Mit einem einzigen kräftigen Ruck zog er uns aus der Misere. Ich rangierte rückwärts – mit der ziehenden Achse – den Berg hinauf. Es war geschafft. Wir waren frei.
Und ehe wir uns versahen, war der Mann verschwunden. Wir konnten uns nicht einmal bedanken. Aber falls er das hier liest: Vielen Dank, Gilbert B. Sie waren unser Nothelfer. Das war großartig.
Und an Lukas und Liam: tausend Dank, Jungs. Ihr wart fantastisch. Wir steckten in einer wirklich furchtbaren Situation, und ihr habt uns so selbstverständlich und menschlich geholfen. Wir können euch niemals genug danken. Und ich hoffe, ihr hattet eine unvergessliche Geburtstagsfeier!
Die Jungs verschwanden in der Dunkelheit, und plötzlich war es wieder still. Wir standen allein da – mit einem Auto, das eiskalt war, mit Händen, die brannten, und mit einem Hunger, der uns fast schwindelig machte. Also setzten wir uns hinein, ließen den Motor laufen und fuhren ziellos durch Kiruna.
Irgendwann leuchtete ein kleiner Kebabladen auf. Unser Kocher war ohnehin unbrauchbar geworden, also blieb uns nichts anderes übrig. Wir gingen hinein, erschöpft, durchgefroren, halb frustriert. Ich starrte auf meine neu weiße Jacke, die ich am Nachmittag auch noch strahlend weiß war – jetzt übersät mit Motoröl. Ein kleiner Stich ins Herz. Ich schob lustlos ein paar Pommes hin und her.
Aber genau das gehört zu echten Abenteuern. Nicht nur die Polarlichter, nicht nur die magischen Momente. Sondern auch die Rückschläge, die Kälte, die Müdigkeit, die kleinen Katastrophen, die man später lachend weitererzählt. Und genau an so einem Tiefpunkt standen wir jetzt. Mir war zum Heulen. Schließlich aß mein Partner noch meine Portion auf.
Resigniert, aber wenigstens wieder warm, fanden wir uns kurz darauf an unserem Schlafplatz ein.
Hinter uns gigantische Expeditionscamper aus Deutschland und der Schweiz, wir in erster Reihe.


Mittlerweile war es 22:30 Uhr. Wir gingen noch ein Stück spazieren. Ich konnte ein paar schwächere Polarlichter fotografieren. Außerdem hatten wir vergessen, die Energy-Dosenaufzuräumen. Wir holten sie schnell und gingen zurück zum Auto.
Nun waren wir restlos erschöpft. Ohne weitere Aktionen fielen wir wie tot in unsere Schlafsäcke. Der Tag war lang genug gewesen. Nur leider war diese Nacht die einzige, in der ich wirklich gefroren habe. Ich denke, es war eine Mischung aus Müdigkeit, den kalten Polsterstoffen im Auto und den ausgekühlten Schlafsäcken. Zum Glück schlief ich dann doch irgendwann ein.
Als ich meine Augen öffnete, war die Sonne längst aufgegangen und die Welt um uns herum schon wieder in voller Aktion. Am liebsten hätte ich mich einfach umgedreht und noch viele Stunden weiter geschlafen. Aber irgendwann ist die Nacht eben vorbei. Außerdem muss man die wenigen Sonnenstunden hier oben nutzen. Ich öffnete meinen Schlafsack ein Stück. Nachts hatte ich ihn so weit zugezogen, dass oben nur noch eine kleine Atemöffnung geblieben war. Am Rand des Gesichtsausschnitts hatten sich Eisplatten gebildet, tief ins Gewebe gefroren. Da staunte ich nicht schlecht, wie kalt es in der Nacht gewesen sein musste. Wahrscheinlich um die –10 °C im Auto.
Mein Partner wurde ebenfalls langsam wach. Auch er sah mich mit diesem typischen „nur noch fünf Minuten“-Blick an. Wir starrten schweigend an die Autodecke – auch sie war komplett vereist. Durch die Aktion am Vortag war das Auto stundenlang offengewesen. Natürlich war die Kälte und Feuchtigkeit in die Deckenverkleidung gekrochen. Ich kratzte mit dem Fingernagel über die Eisschicht auf der hinteren Deckenlampe. Das Eis rieselte mir direkt ins Gesicht. Ich rümpfte die Nase. Physik war eben noch nie meine Stärke gewesen.

Mein Lebensgefährte brachte schließlich Bewegung in die Situation und begann sich anzuziehen. Ich lag möglichst klein zusammengekauert auf der Seite und nutzte etwas Akkukapazität für zweifelhafte Unterhaltung. Seit Langem scrollte ich mal wieder durch Weltnachrichten und danach durch Insta. Während wir hier oben im Schnee festgesteckt hatten, war auf der Welt offenbar nichts allzu Neues passiert. Auch gut.
Als Martin fertig angezogen war und draußen schon beim Zähneputzen stand, kroch ich langsam aus meinem Schlafsack. Hier oben ist man wenigstens sofort wach. So eine „Frischluftklatsche“ wirkt Wunder. Noch dazu liegt man hier ohne Decke, in einer Lage dünner Unterwäsche, bei etwa –15 °C offen im Auto. Da wird man automatisch enthusiastisch. Als ich fertig war – so langsam bekam ich Routine –öffnete ich die Autotür. Mein Partner smaltakte gerade mit einer anderen Camperin. Ich wollte eigentlich nur meine Schuhe. Die lagen nämlich vorn beim Kupplungspedal – für mich kaum erreichbar. Zwischen den Schuhen und mir türmte sich ein Berg an Equipment auf. Er bemerkte mich und reichte sie mir dann doch noch.
Ich zog mich fertig an. Die Schnürsenkel band ich wieder um meinen Knöchel. Mittlerweile war mir das egal. Erstens war es einfacher, zweitens lag sowieso die Skihose darüber. Als ich nach draußen rutschte, traf mich die Schönheit der Landschaft wie ein Schlag. Mein Partner verabschiedete sich gerade von der Frau. Sie war ungefähr in unserem Alter und hatte sich für unsere Campingvariante interessiert.
Ich putzte meine Zähne vor einer atemberaubenden Taiga. Ich stand etwas erhöht über der Schneelandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckte und dort von massiven Gletschern begrenzt wurde. Es war einfach überwältigend. Meine Zahnbürste surrte zweimal, das Zeichen für das Ende der drei Minuten. Ich klopfte die Eisschicht in meinem Becher klein. Erstaunlich, wie schnell man sich an Routinen gewöhnt. Selbst am Ende des Kontinents, in einem kleinen Kombi, entwickelt man Alltagsabläufe. Andererseits war das auch nicht verkehrt.
„So und jetzt?“ war mein erster Satz der mir über die Lippen kam an diesem Tag.
„Ich brauche Kaffee und Strom.“ War die pragmatische Antwort meines noch grummelig gestimmten Partners.
Ich nickte. Vorher wollte ich aber noch Fotos machen – das Licht war einfach perfekt. Um einen guten Winkel zu bekommen, ging ich zwischen die beiden Expeditionsmobile hinter uns. Natürlich ging genau in diesem Moment die Tür eines der Fahrzeuge auf. Eine etwa sechzigjährige Frau stand plötzlich vor mir. Sie sah mich an. Eine Armlänge entfernt. Ich grüßte auf schwedisch und als es mir durch den Kopf schoss, dass wir dieselbe Sprache sprechen, grüßte ich sogar noch mit einem förmlichen „Guten Morgen“. Die Frau sah mich irritiert an. Dann sah sie den kleinen Kombi.
Alles was danach kam war mir ein Fest. Sie sah wieder mich an. Ich grüßte noch einmal, dieses Mal noch besser hörbar. Sie hob ihren Blick und ging an mir vorbei. Ohne auch nur ein Wort an mich zu verlieren.
Ich musste lächeln. Diese Sorte Camper begegnet uns immer wieder: große Fahrzeuge, großer Luxus, große Distanz, meist wenig Respekt vor der Natur. Wir zeigen ihnen mit unserer ruhigen, unaufgeregten Art, man muss sich nicht so ein Gefährt leisten können, um die Schönheit der Welt zu sehen. Man muss sich einfach nur ins Auto setzen und losfahren. Man braucht Mut, Teamgeist und vor allem eine große Portion Lebenslust.
Man muss die Routinen des Alltags loslassen können, neue erschaffen. Man muss mit der Natur leben können. Nicht gegen sie. Ihr seht die Natur als euren Spielplatz, als eure Kulisse, als Selbstverständlichkeit. Wir hingegen sehen sie als unsere Verbündete. Die Natur zeigt uns ihr schönstes Gesicht. Sie kann aber auch zu unserem schlimmsten Feind werden, wenn wir sie missachten. Die Natur bestimmt wie weit wir kommen. Niemals wir selbst.
Und am Ende des Tages erzählen wir die Geschichten wie sie wirklich waren. Unsere Geschichten handeln von Abenteuer, Anpassung, Schönheit, Mut, Verbundenheit zu allem Lebendigen. Eure Geschichten, die ihr in euren riesigen Campmobilen sitzt, handeln davon wie ihr die Umwelt bezwungen habt, und euch genommen habt was euch niemals gehören wird.
Am Ende des Tages liege ich in meinem Schlafsack. Es mag enger, kühler oder auch härter sein. Aber wenn ich dort so liege bin ich eins mit meiner Umwelt. Hier oben höre ich den Schneeknirschen, den Wind vorbeistürmen und vor Allem anderen höre ich die Stille in der endlosen Weite. Was hört ihr?
Ein letzter Gedanke hierzu: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich schreibe gezielt das. Es ist das Leben um uns herum das unser eigenes lebenswert macht. Wenn man beginnt hinzuhören, kann man es oft gar nicht glauben wie unfassbar laut Natur sein kann.
Dieses kleine Manifest richtet sich nicht an einen exakten Typ Camper oder an eine spezielle Art Fahrzeuge. Man kann in einem Wohnmobil unterwegs sein, und die Natur genauso sehen wie wir. Man kann in einem VW- Bus herrlich frei sein, ohne einer Fliege ein Haar zu krümmen. Aber sobald man sich mit Gewalt in eine Landschaft hinein presst kann etwas nicht stimmen.
Mein Partner und ich fanden uns schließlich im mittlerweile aufgeräumten Auto wieder. Unser nächstes Ziel: Espresso House. Eine schwedische Kaffeekette, ungefähr wie Starbucks – mit allem, was unser ausgelaugtes Abenteurerherz in diesem Moment brauchte: Tassen so groß wie Pferdetränken, gefüllt mit heißem, schwarzem Kaffee. Saubere Toiletten. Bequeme Loungesessel. Und vor allem: Strom. Wir mussten unsere Handys durchladen. In der Kälte verloren sie deutlich schneller an Akku als im Warmen.
Endlich konnten wir uns etwas regenerieren. Ich erledigte mein Social- Media, mein Partner las in aller Ausführlichkeit Nachrichten. Wir können von Glück sagen, dass das Espresso-House keine Refill- Möglichkeit anbietet. Wir würden wahrscheinlich immer noch dort sitzen. Nach einer Ewigkeit erhoben wir uns aus den Sesseln. Es fühlte sich fast so an als wären wir eins geworden mit unserer Umgebung.
Ich brauchte Ansichtskarten. Ihr fragt euch bestimmt immer: wer zur Hölle kauft so etwas denn noch. Hier ist eure Antwort: Ich. Nachdem ich an alle meine Verwandten eine Karte geschrieben hatte, bummelten wir noch etwas in den Läden. Mein Bikiniproblem hatte sich ja schließlich immer noch nicht gelöst. Und endlich. In einem normalen Bekleidungsgeschäft fand ich endlich einen Bikini. Und es war ungelogen einer der mir endlich einmal wirklich gut stand.
Die Innenstadt Kirunas ist ja wirklich nicht groß. Und wenn man die hochpreisigen Herrenausstatter abzieht, bleibt gar nicht mehr viel übrig. Wir konnten aber dennoch einen Outdoorladen erspähen. Er war vom Sortiment ähnlich den deutschen Globetrotter- Läden. Ich hoffte inständig, dass meine Größen ausverkauft sind – meinem Geldbeutel zuliebe. Was soll ich sagen- keine 5 Minuten später hielt ich ein neues, knallrotes Stirnband meiner aktuellen Lieblingsmarke in der Hand. Das hat ja super geklappt.
Wir nutzen die Gelegenheit gleichmal um unser Kocherproblem in Angriff zu nehmen. Mein Partner konnte sehr schnell einen Mitarbeiter ausfindig machen, der dem Problem gewachsen schien. Leider stellte sich heraus, dass unser Kocher – Vertikalkartusche, große Auflagefläche – bereits die beste Option für Kälte war. Es gäbe noch eine Alternative, theoretisch besser, praktisch aber ein Abenteuer: eine wackelige Dreifußkonstruktion mit Gasleitung, die man erhöht platzieren müsste. Funktioniert nur bei absolut perfektem Wetter und stabilem Untergrund. Also eher nichts für uns. Am Ende verließen wir den Laden mit einem Stirnband, einer Mütze für meinen Partner und einer Kartusche Wintergas. Praktisch waren wirkeinen Schritt weiter, theoretisch dafür um einiges schlauer.
Beim Weiterbummeln kamen wir am Tourismusbüro vorbei. Im Schaufenster lagen ein paar Taschen und Aufnäher, die wir unbedingt haben mussten. Als ich zahlen wollte, sagte ich reflexartig:„With card, please.“ In Schweden völlig überflüssig – das Terminal wird automatisch aktiviert. Nur wer bar zahlen will, muss es vorher anmerken. Die Mitarbeiterin sah interessiert auf und lächelte. Ich erklärte, dass man in Deutschland immer noch dazusagt, wenn man mit Karte zahlen möchte. Sie grinste und meinte, sie komme aus meinte, sie komme aus Frankfurt. Was für ein Zufall.
Wir plauderten ein bisschen über Natur, Umwelt und darüber, wie es sie in diese Kälte verschlagen hatte. Und wir konnten endlich eine unserer wichtigsten Fragen loswerden: Wo zur Hölle findet man hier in der Nähe eine echte schwedische Sauna? Nicht, weil wir Hardcore‑Saunagänger wären – aber manche Dinge muss man einfach im Herkunftsland erlebt haben. Ein Taco schmeckt in Mexiko schließlich auch anders als in Österreich.
Uns wurde erklärt, dass die meisten Schweden Privatsaunen nutzen. In Kiruna gäbe es zwei Hotel‑Spas, die man auch ohne Übernachtung buchen könne. Wir entschieden uns für das Spa in der Innenstadt, und die Mitarbeiterin reservierte uns sogar direkt einen Timeslot für zwei Personen.
Mangels besserer Optionen gingen wir noch einen Espresso trinken. Wir mussten die Zeit irgendwie überbrücken. Nachdem wir unsere Einkäufe verstaut und die Handtücher geholt hatten, standen wir sogar zu früh am Empfang des Spas.
Ehrlich gesagt hatte ich bei einer schwedischen Sauna ein anderes Bild im Kopf. Aber gut. Das andere Spa außerhalb der Stadt hätte laut der Mitarbeiterin Saunen zum Selbstbedienen gehabt – vermutlich rustikaler, vielleicht authentischer. Doch wir wollten einfach nur entspannen. Und dafür war dieses Spa perfekt. Ehe wir uns versahen, saßen wir im Rooftop‑Pool über Kiruna, unter Polarlichtern. Wir saßen einfach nur da, im warmen Wasser, glücklich und still. Erst als wir uns ausstreckten und die Gelenke im Wasser nachgaben, merkten wir, wie angespannt wir eigentlich gewesen waren.
In der Sauna kamen wir mit einem Hotelgast ins Gespräch. Keine fünf Minuten später ging es um unsere Unterkunft auf vier Reifen. Selbst er war völlig fasziniert. Nach dem Saunagang legten wir eine Ruhepause ein. Im Empfangsbereich hatte ich einen Obstkorb entdeckt. Nach unserer eher… kreativen Ernährung der letzten Tage konnten wir nicht widerstehen. Am liebsten hätte ich den ganzen Korb unauffällig unter meinen Bademantel geschoben. Stattdessen suchte sich jeder von uns ein paar Stücke aus.
So verbrachten wir zweieinhalb Stunden im Entspannungsmodus. Beim Anziehen war ich mit ein paar anderen Frauen in der Umkleide. Ich hatte mich den ganzen Urlaub über gefragt, wie sich die Einheimischen im Alltag anziehen. Mit einem kleinen Seitenblick hier und da sah ich: selbst die Frauen, die wahrscheinlich direkt nach der Arbeit ins Spa gegangen waren, trugen lange Unterwäsche. Super sinnvoll – aber für uns völlig ungewohnt. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so auffällig.
Ich hatte mich in diesem schicken Spa-Bereich ein bisschen fehl am Platz gefühlt. Aber das legte sich sofort. Also zog ich wieder alle meine hundert Schichten an und war beruhigt, dass ich damit nicht allein war.
Wir verließen sehr gut geföhnt, und mega entspannt den Spa-Bereich.
An diesem Abend sollten wir noch einmal unfassbar beeindruckende Polarlichter sehen.
Mein Partner versuchte mit den neuen Tipps des Verkäufers einen Tee zu kochen, während ich kurz raus musste. Trotz aller Harmonie brauche selbst ich manchmal ein paar Minuten für mich. Also stapfte ich die Snowmobil-Piste hinunter, dorthin, wo die Kälte noch ein bisschen schärfer war und die Stille noch ein bisschen dichter.
Der Himmel war sternenklar, so klar, dass ich das Gefühl hatte, jeden einzelnen Stern persönlich begrüßen zu können. Und dann — erst zaghaft, dann immer stärker — begann der Himmel grün zu leuchten. Ich rief nach meinem Partner, er schaltete den Kocher ab und kam mir mit meinem Stativ entgegen. Wir standen nebeneinander in der Kälte und sahen zu, wie die Lichter tanzten. Es wirkte fast übermenschlich. Die Arktis zeigte uns einen kleinen Teil ihrer Superkraft.

Als die Lichter langsam weiterzogen, gingen wir zurück zum Auto. Wir standen noch einen Moment davor, etwas unschlüssig, immer noch halb im Zauber gefangen.
Dann kamen ein paar Franzosen in SUVs angerauscht, sprangen aus den Autos, warfen einen Blick in den Himmel und verschwanden wieder. Wahrscheinlich eine Sichtungsmeldung auf dem Handy. Wir mussten lachen. Die Natur hatte uns für unsere Mühen belohnt —ganz ohne Push-Benachrichtigung.
Unser Preis war allerdings hoch. Wir hatten beide schon stark abgenommen, waren körperlich erschöpft, übersät mit blauen Flecken und kleinen Risswunden von der Kälte. Ein guter Teil unserer Ausrüstung — alles aus Hartplastik — war uns einfach in den Händen zerbröselt. Und dann kam der schlimmste Verlust: unsere Brillen.
Nach dem letzten Polarlichtsturm setzten wir uns für fünf Minuten ins Auto und ließen die Heizung laufen. Draußen waren es –32 °C. Als wir wieder ausstiegen, wurde uns beiden schwindelig. Die Gläser unserer Brillen waren in sich selbst gebrochen —winzige Mikrorisse, die die Optik verzerrten, als hätten wir die ganze Nacht durchgefeiert, nur ohne den Spaß davor. Martin hatte zum Glück eine Ersatzbrille dabei die mehr schlecht als recht taugte, ich leider nur meine Sonnenbrille. Ohne unsere Brillen waren wir, bei unseren Sehschwächen leider total aufgeschmissen.
Wir lehnten uns an das Auto und sahen in den Himmel. Martin sagte ruhig, in seiner unnachahmlichen Art:
„Wir müssen hier weg.“
Ich wollte noch nach Abisko, wollte den Nationalpark sehen, die schwedische Grenze, alles.
„Wenn uns hier oben ein Schneesturm erwischt, kommen wir nicht mehr weg“, sagte er. Und ich wusste, dass er recht hatte.
Es fühlte sich an wie ein Abschied, ein bisschen wie Scheitern — obwohl es das nicht war. Wir waren weiter gekommen, als wir je gedacht hätten. Wir hatten länger in der arktischen Taiga gecampt, als wir geplant hatten. Wir hatten mehr erlebt, als ich überhaupt verarbeiten konnte.
Es war einfach an der Zeit, der Arktis leise Lebewohl zu sagen.
Der Plan war gefasst. Wir würden noch ein paar Nächte unterhalb von Jokkmokk verbringen. Also fuhren wir los. Ein gutes Stück hinter Kiruna tauchten plötzlich neben dem Auto Nordlichter auf— stark, grün, lebendig. Sie tanzten neben uns her, als würden uns die Walküren persönlich auf unserem Rückweg begleiten.
Es fühlte sich an, als hätte uns die Natur eingeladen. Sie hatte uns in ihrem Reich willkommen geheißen. Wir waren nicht wie Räuber im Schneesturm eingefallen, sondern in Freundschaft gekommen — und in Liebe wieder gefahren. Die Lichter wirkten wie ein letztes Winken von lieben Verwandten.
Das war kein Zufall.
Das war ein Abschied.
Ein Geschenk.
Ein letzter Tanz.
Und wir haben ihn angenommen. Ich hatte Tränen in den Augen. Dieser Moment wird noch sehr lang in unseren Herzen nachhallen.
Die Nacht wurde schwärzer, die Sterne weniger. Keine Menschenseele weit und breit. Wir waren mit unserem kleinen, treuen, eisblauen 1er BMW die einzigen Menschen in unserer winzigen Welt. Wir hielten in einer Parkbucht, weil mein Partner noch etwas aus dem Kofferraum brauchte. Ich nutzte die Gelegenheit zum Pinkeln.
Wir standen mitten auf einer dunklen Straße, umgeben von Rentieren. Und ja — ich hatte natürlich vorher gegoogelt, was der Fressfeind eines ausgewachsenen Rentiers oder Elches ist. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob das so schlau war. Es ist wie bei Krankheitssymptomen: Am Ende hat man immer etwas unmittelbar Tödliches.
Meine Suche ergab: Einer der Fressfeinde großer Paarhufer ist der Braunbär. Und natürlich hat genau dieser Kollege hier oben auch noch sein Hauptverbreitungsgebiet.
Ich hatte wirklich wenig Interesse an einer nächtlichen Bärenbegegnung. Ich stellte mir vor, wie irgendwo da hinten im Wald ein Bär auf ein Rentier spechtet, aber dann mich sieht — allein, hockend, am Waldrand. Wen würde er wohl bevorzugen?
Also entschied ich mich gegen weitere Deckung und ging einfach neben dem Auto hinter die Tür, als Sichtschutz in die Hocke. Manchmal ist Pragmatismus die beste Überlebensstrategie.
Ich war gerade fertig mit dem Wasserlassen, als ich plötzlich merkte, wie mein Körper mich ausknocken wollte. Ein massives Herzrasen, gefolgt von tauben Armen und Beinen und einem Schwindel, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Instinktiv packte ich meine Hose und kippte in Richtung der offenen Beifahrertür.
Mein Partner fragte irgendetwas —„Weißt du, wo…?“ oder „Hast du das aufgeräumt…?“ — ich hörte den vertrauten Klang, aber mein Kopf konnte die Worte nicht mehr verarbeiten. Die ohnehin schwarze Nacht wurde eng um mich herum. Ich schaffte es gerade noch, meine Beine ins Auto zu ziehen.
Im kahlen Licht unserer alten Innenraumbeleuchtung sah ich meine Hände. Leichenweiß. Ein Anblick, den ich sonst nur aus dem Klinikum kenne. Ich war zu kraftlos, um mich zu erschrecken.
Medizinisches Wissen kann auch eine Bürde sein. Ich wusste genau, was jetzt kommen würde: Atemnot, Krämpfe, Bewusstlosigkeit. Ich war in einen handfesten Kälteschock geraten.
Und so kam es auch. Mein Brustkorb wurde immer enger, als würde eben jener 600-Kilo-Braunbär (der bestimmt auf mich gelauert hatte) darauf stehen. Ich rang verzweifelt nach Luft. Gleichzeitig verlor ich jedes Gefühl ab der Hüfte abwärts. Meine Armeklopften unkontrolliert um meinen Körper. Ich krampfte in den Extremitäten. Ich wusste das im Umkreis von 150km kein Rettungsdienst oder gar ein Krankenhaus sein würde.
Endlich stieg mein Partner wieder ein — und erschrak. Ich sah seine Augen. In diesem Moment wusste ich, dass er gleich den Motor starten würde. Wie ein alter Seelöwe bellte ich ihn mit einem gelähmten Kiefer an und versuchte verzweifelt, mit gefühllosen Händen ein Telefonzeichen zu machen.
Ich suche im Alltag mindestens 30.000-mal mein Handy. Martin ruft mich ständig an — nicht, um mir romantische Sätze ins Ohr zu hauchen, sondern damit ich dieses verdammte Ding wieder finde. Aber ja: Mein Partner ruft mich auch nach all den Jahren noch regelmäßig an.
Er verstand sofort. Er rief mich an, fand mein Handy auf dem Armaturenbrett und reichte es mir. In dieser Nacht, in dieser Kälte, in diesem Zustand wusste ich: Ohne dieses Gerät hätte ich nicht die leiseste Chance auf Hilfe.
Martin startete den Motor und die Sitzheizung und fuhr auf die vereiste Bundesstraße. Er redete eindringlich auf mich ein, meine Skihose auszuziehen — sie isoliert gegen Kälte von außen, aber eben auch gegen die Wärme der Sitzheizung. Irgendwie schaffte ich es, sie abzustreifen.
Ich trübte eine ganze Zeit lang ein. Als ich wiede aufwachte, löste sich die Symptomatik zum Glück auf. Zurück blieb eine unbeschreibliche Müdigkeit und ein Muskelkater, der sich gewaschen hatte.
Mein Partner — mein Lebensanker — fuhr einfach elf Stunden durch die Schwärze Lapplands, um mich in Sicherheit zu bringen. Auf meine Frage, wohin er wolle, antwortete er trocken: „Ich halte erst an, wenn die Temperaturen nur noch einstellig im Minus sind.“
Und so fuhr er Kilometer um Kilometer.
Und tatsächlich: Unser kleines Campmobil hielt erst weit hinter der lappländischen Grenze — bei -6 °C.


Die Fahrt durch Mittelschweden fühlten sich an wie ein langsames Ausgleiten aus dem Abenteuer. Die Landschaft war schön, keine Frage, aber sie erinnerte uns zu sehr an den Bayerischen Wald. Wir waren noch zu sehr erfüllt von der Arktis, zu sehr verwöhnt von dieser rauen, ehrlichen Welt aus Schnee, Stille und Sternen.
Eine letzte Nacht verbrachten wir in Småland, mitten im Wald. Warm, ruhig, fast schon zivilisiert. Am nächsten Morgen brachte uns die Fähre zurück nach Rostock – und plötzlich war alles wieder normal.
Jetzt sitze ich hier an meinem Küchentisch. Die Katze liegt – je nach Tagesform – entweder auf meinem Schoß oder mitten auf der Tastatur. Falls ihr also über den ein oder anderen seltsamen Satz stolpert: Der war dann vermutlich von der Katze. Sie übt noch.
Vor mir liegt ein Kugelschreiber, der mich in Lappland fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Ich wollte mir Notizen machen, aber der Kuli hatte andere Pläne: Er war eingefroren. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass so etwas möglich ist.
Also kaufte ich Bleistifte. Und als ich sie im Auto auspackte, stellte ich fest: unangespitzt. Natürlich.
Neben mir lag unser großes Fischermesser. Also schnitzte ich selbstverständlich laut vor mich hin lamentierend, die Mine frei, während mein Partner schweigend die Augen verdrehte. Ein Moment, in dem er sehr bewusst nicht stören wollte.
Jetzt blättere ich durch meinen Kalender und muss wieder schmunzeln. Diese kleinen, trotzig erkämpften Siege –ein geschnitzter Bleistift, ein warmes Auto, ein gelungener Start in den Tag trotz gefrorener Marmelade – sie bedeuten mehr, als man denkt. Sie erinnern mich daran, dass man selbst dann noch etwas in der Hand hat, wenn man eigentlich längst die Kontrolle verloren hat.
Und vielleicht spitze ich diesen Bleistift nie wieder an. Einfach so. Als Erinnerung daran, dass Freiheit manchmal genau dort beginnt, wo Perfektion endet.
Ich hoffe, ich konnte euch ein Stück mitnehmen – in meine, unsere, vielleicht ja auch eure Welt.
Vielleicht musstet ihr an dereinen oder anderen Stelle schmunzeln. Vielleicht habt ihr gedacht: „Okay,wenigstens geht es nicht nur mir so.“
Aber vor allem möchte ich euch Mut machen.
Mut, euch auszuprobieren.
Mut, frei zu sein.
Mut, die Welt selbst zu entdecken.
Campen kann jeder. Wirklich jeder. Man braucht kein großes Budget, keine perfekte Ausrüstung, keinen Van mit Fußbodenheizung. Die schönsten Orte der Welt sind die, an denen noch kein Hotel steht. Die Welt gehört nicht denen, die am meisten besitzen – sondern denen, die am wenigsten brauchen. Und denen, die mutig genug sind, Grenzen eher als Vorschlag zu betrachten.
Mein Motto „weil wir es können“ ist kein Spruch. Es isteine Haltung. Eine, die man nicht kaufen kann.
Eine, die entsteht, wenn man immer wieder dorthin geht, wo andere längst umdrehen würden.
Und jetzt seid ihr dran.
Raus mit euch.
Habt Spaß.
Und passt gut aufeinander auf.
